Die Fähigkeit zu Glück und wie man sie erlernt


 

„Dieser ständige Druck und die Hektik des Alltags belasten mich immer mehr. Und wenn ich mal zur Ruhe komme, spüre ich so eine tiefe innere Leere, die mich fast wahnsinnig macht. Meistens lenke ich mich dann schnell wieder mit etwas ab. Ich bin erfolgreich in meinem Job und verdiene gut, doch irgendwie erfüllt mich das alles nicht mehr. Dieser ständige Stress, immer erreichbar und auf Empfang zu sein – am liebsten würde ich alles hinschmeißen.“

 

 

Diese oder ähnliche Bekenntnisse haben Sie vielleicht auch schon mal gehört oder selbst erlebt. Wir arbeiten unglaublich viel und hart – häufig so sehr, dass es die Gesundheit zerstört und kaum noch ein entspanntes Privatleben möglich ist. Man ist mitten drin im Hamsterrad und in die Falle getappt. Dies geschieht, weil man uns glauben machen will, dass es einen kausalen Zusammenhang zwischen dem Erreichen bestimmter Ziele und Glück gibt:

 

 

„Wenn ich erst meinen Abschluss habe, dann bin ich glücklich.“

 

„Wenn ich die Beförderung endlich bekommen habe, dann bin ich glücklich.“

 

„Wenn ich erstmal 10 Kilo abgenommen habe, dann bin ich glücklich.“

 

 

Die Realität sieht meistens anders aus. Wir arbeiten, studieren und optimieren uns in den Wahnsinn. Stetig weiter steigende Fälle von Burnout und Depressionen sind die Folge. Die Praxen und Therapieplätze zur Behandlung dieser Erkrankungen sind über Monate ausgebucht. Die Sehnsucht, aus diesem Kreislauf auszusteigen wächst mit jedem Tag. Tiziano Terzani, der bekannte Südostasien Korrespondent für den Spiegel und Buchautor, gab kurz vor seinem Tod seinem Sohn folgendes mit auf den Weg: „Die große Kampf kommenden Zeit wird die Rebellion dagegen sein, dass der Markt unser Leben bestimmt.“ Dabei haben viele Menschen heute schon Ideen, wie das Leben und die Arbeitswelt besser sein könnten, aber es gibt im hektischen Treiben des Alltags kaum Räume um die Ideen in der Praxis umzusetzen. Gerade jüngere Menschen haben die Erwartung, dass sich endlich etwas ändert. Bei der Arbeit erleben sie dann, dass es immer noch sehr hierarchisch und mitunter autoritär zugeht. Alles ändert sich nur sehr, sehr langsam. Diese Spannung zwischen Wunsch und Realität führt zu Stress und auf Dauer zu den bereits genannten Belastungsstörungen.

 

 

Nicht nur privat, auch im Beruf suchen wir alle stets das Gleiche: einen Weg zu mehr Glück und ein gutes Leben.

 

 

Im Juni 2012 erkannte eine Resolution der Vereinten Nationen das Streben nach Glück als ein grundlegendes menschliches Ziel an. Um daran zu erinnern, wurde der 20. März zum Weltglückstag erklärt. Dies war eine sehr wichtige Entscheidung, denn in vielen Industrieländern verbessern sich seit Jahrzehnten zwar die messbaren Lebensbedingungen, dies spiegelt sich jedoch nicht im Wohlbefinden der Menschen wider.

 

 

Die entscheidende Frage ist: Kann man Glück unabhängig von beruflichem Erfolg selbst beeinflussen, berechnen oder gar vorhersagen?

 

 

Unsere Großmütter schrieben früher gerne diesen Satz in manches Poesiealbum: "Willst Du glücklich sein im Leben, trage bei zu andrer Glück. Denn die Freude, die wir geben, kehrt ins eigne Herz zurück." Viele Dinge haben sich seither verändert, doch wir als Menschen haben immer noch die gleichen Grundbedürfnisse. Der Wunsch nach Zugehörigkeit und Liebe steht der ganz oben. Die Qualität sozialer Beziehungen weist die stärkste Korrelation zu Glück und Wohlbefinden auf. Menschen, die gute und tragfähige Beziehungen haben, leben nachweislich länger, gesünder und sind glücklicher. In diese Beziehungen gilt es aber zu investieren, denn glücksbringende Beziehungen wollen ordentlich gepflegt werden.

 

Glück kann man lernen und als Fähigkeit trainieren

"Glück ist eine Fähigkeit, die man erlernen kann" – dies sagt Ha Vinh Tho. Er leitet das Zentrum für Bruttonationalglück in Bhutan und hat sich zudem als Entwicklungshelfer und Buchautor weltweit einen guten Namen gemacht. Um die Voraussetzungen für Glück zu schaffen, werden in dem kleinen Himalaya Königreich Bhutan die folgenden drei Elemente der gesamten Bevölkerung gelehrt – egal ob Schüler, Politiker oder Manager:

 

  1. Der bereits genannte Aufbau und die Pflege tragfähiger und liebevoller Beziehungen
  2. Selbstverwirklichung im Beruf. Jeder sollte sich fragen: Was liebe ich wirklich? Wie möchte ich in der Welt wirken?
  3. Die dritte Frage, der sich unsere Generation stellen muss und die zu einem zentralen Faktor für das Glück unserer Kinder werden wird, ist laut Ha Vinh Tho: "Leben wir in einer solchen Weise, die nachhaltig ist?" Denn momentan nutzen wir weltweit die Ressourcen von eineinhalb Erden. Würden alle leben wie in Deutschland, wären es sogar mehr als drei. Damit ist die Zukunft unserer Kinder ernsthaft gefährdet.

Diese günstigen äußeren Umstände tragen dazu bei, dass wir Glück erfahren können. Der zweite Faktor bezieht sich auf die innere Einstellung. Hier geht es unter anderem darum, Eigenschaften wie Selbstreflexion und Achtsamkeit zu stärken. Genauso wichtig sind aber auch Sozialkompetenzen, die einen Aufbau guter Beziehungen zur Umwelt erst möglich machen. Dazu brauchen wir ein viel stärkeres Bewusstsein für unseren Körper, Geist, unsere Gedanken und Gefühle. Im täglichen Autopiloten Modus ist das nur schwer zu erlangen. Es braucht mehr Zeit für Reflexion, Regeneration und der viel zitierten Muße, um diesen Zustand zu erreichen.

 

Ein anderer Grund für die Abwesenheit von Glück ist die Präsenz negativer Gedanken. Ohne diese negativen Gedanken gäbe es keine negativen Gefühle. Würden wir die Welt und uns neutral oder positiv betrachten, dann würden wir uns auch so fühlen. Wäre doch klasse, oder? Für die meisten Menschen ist diese Vorstellung jedoch sehr unrealistisch. Es geht primär auch nicht darum, sich völlig von negativen Gedanken zu befreien. Schon alleine die Reduzierung der Dosis negativer Gedanken trägt erheblich zu einem besseren persönlichen Wohlbefinden bei.

 

Das Wiedererlangen von Präsenz im hier und jetzt ermöglicht das frühzeitige Wahrnehmen von destruktiven Gedanken und damit auch die rechtzeitige Regulation dieser Gedanken. Das kann jeder beispielsweise durch regelmäßige Achtsamkeitsmeditation üben. Meditation reduziert die Aktivierungsmechanismen im Angstzentrum und maximiert unsere Fähigkeit zur Selbstregulation.

 

Der Fokus auf Gutes gelingt durch Perspektivenwechsel von den negativen auf die positiven Dinge, die man erlebt. Dies kann wahre Wunder bewirken. Denn am Anfang und Ende eines jeden Tages entscheidet stets unsere Bewertung der Erlebnisse darüber, ob wir uns gut oder schlecht fühlen. Ein Benediktiner Mönch sagte mir einmal, dass jeder Tag ein guter Tag sein kann. Damals wollte ich das nicht so recht wahrhaben. Heute weiß ich, dass er damit richtig liegt.

Leben nach Werten und mit einem tieferen Sinn – eine uralte Quelle des Glücks

Wenn es etwas gibt, das Menschen über alle Kulturen und Kontinente hinweg verbindet, dann ist es die Frage nach dem großen Ganzen und dem Sinn des Lebens. Wenn die jungen Indianer Nordamerikas in ihrer Phase der Pubertät langsam zu Erwachsenen heranreifen, dann begleitet sie stets eine zentrale Frage, die sich sinngemäß am ehesten mit dem Satz „Was ist Deine Medizin?“ übersetzen lässt. Damit ist gemeint, wie man in der Welt wirken möchte. Was scheint durch mich hindurch? Wie bringe ich mich zum Wohle der Gemeinschaft am besten ein? Diese Suche korreliert stark mit Lebenssinn, sowie persönlichen Stärken und Charaktereigenschaften. Auch das Leben und nach bestimmten Werten kann ein Teil der persönlichen Medizin sein. Viktor Frankl sagte nach dem Überleben der Konzentrationslager der Nazis sinngemäß: Wer sein Warum im Leben gefunden hat, der kann fast jedes Wie akzeptieren.

Der Zusammenhang von Glück und beruflichem Erfolg

Der amerikanische Wissenschaftler und Autor Shawn Anchor erklärt den Zusammenhang so: Im Moment zäumen wir, wie schon zu Beginn des Artikels erwähnt, das Pferd noch von hinten auf. Wir arbeiten hart daran, unsere Ziele zu erreichen und hoffen dann auf das Glück. Wissenschaftler haben längst herausgefunden, dass die Beförderung oder die Gehaltserhöhung nur kurze Zeit ein kleines bisschen glücklicher machen. Tatsächlich ist es so, dass das Gehirn nach jedem Erfolg die Messlatte gleich wieder höher legt. Wurden die Verkaufsziele erreicht? Prima! Dann werden die Ziele jetzt höhergesteckt. So wird Glück wird immer an bestimmte Erfolge geknüpft und somit immer wieder in die Zukunft hinausgeschoben.

 

Shawn Anchor sagt: Du musst die Formel umdrehen! Nicht Erfolg bringt dir Glück, sondern glücklich sein bringt dir Erfolg.

 

Wer in einer positiven Grundstimmung ist und sich wohl fühlt, der kann auch auf eine höhere kognitive Leistungsfähigkeit zurückgreifen. Achtsamkeitsübungen helfen, die emotionale Intelligenz zu steigern. Die gesteigerte Leistungsfähigkeit des Gehirns, eine verbesserte Selbstregulation und mehr soziale Kompetenz führen schlussendlich auch zu besonderen Erfolgen.

Der Missbrauch von Achtsamkeitspraktiken in der Arbeitswelt

Achtsamkeit kann grundsätzlich und ganz wesentlich zu Glück und Wohlbefinden im Leben beitragen. Wenn Achtsamkeitsübungen in Unternehmen jedoch nur ein Feigenblatt sind und strukturell nichts geändert wird, wird die Praxis auch nur wenig Vorteile bringen. Man wird vielleicht ein bisschen gelassener auf der Arbeit, aber auf Dauer wird es mitunter noch schlimmer, weil man sagt: Du bist gestresst, okay. Dein Problem, meditier’ mehr. Das ist das Gegenteil von Glück.

Fazit

Die Voraussetzungen für Glück können durch bestimmte Strukturen verbessert werden. Gleichzeitig kann das innere Wohlbefinden gepflegt und so das persönliche Glück gemehrt werden. Beides gehört zusammen und ergänzt sich idealerweise. Strukturen lassen sich aber oft nur langsam verändern, während mit der Pflege des inneren Wohlbefindens noch heute begonnen werden kann. Wer diesen Pfad begeht, wird vielleicht am Ende sogar fast ganz nebenbei beruflich auch erfolgreicher sein. Shawn Anchor hat dafür zahlreiche Beweise geliefert.

Glückshelfer für den Alltag

1. Führen Sie ein Glückstagebuch. Darin schreiben Sie jeden Tag auf, welche Begegnungen und Erlebnisse Ihnen positiv in Erinnerung geblieben sind. Es hilft, wenn man sich ab und zu bewusst macht, wie viel eigentlich schon ganz gut im Leben läuft.

 

2. Kleine Gesten der Freundlichkeit: Machen Sie anderen Menschen eine Freude. Dies können auch fremde Menschen in der Stadt sein. Es kann ein einfaches Aufhalten der Türe, ein Lächeln an der Kasse oder auch mal das Bezahlen eines Kaffees in der Schlange beim Bäcker für den Kunden vor Ihnen sein.

 

3. Legen Sie sich eine Not-To-Do Liste an: Schreiben Sie alles auf, was Sie in Zukunft nicht mehr oder nur noch reduziert tun wollen.

Kurse | Coachings | Events

Happiness Coaching - eine persönliche Evaluation des Glücks und der Glückspotenziale. Basierend auf den Fragen des Center of Bhutan Studies für Glück, haben wir einen Fragebogen zur Evaluation des aktuellen Glücksniveaus und der weiteren Potenziale entwickelt. Das Interview dauert etwa zwei Stunden. Die Auswertung mit konkreten Empfehlungen erhalten Sie nach einer Woche.

 

Voyaging Retreat Tour: die Reise zur inneren Würde und dem inneren Kompass

 

Achtsamkeit im Business: Ein Weg zu mehr Glück und besserer Leistungsfähigkeit im Beruf

 

Vortrag: die 9 Domänen des Bruttonationalglücks

 


Quellen

  • TED Talk von Shawn Anchor
  • Interview mit Ha Vinh Tho im Manager Magazin und in der Zeitschrift Neo

Autor: Stefan Spiecker, Juni 2018

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ein Artikel von Stefan Spiecker für das Institut für Management Entwicklung (IME)


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